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Stefan Leber zur Frage des Handelns im Sinn der sozialen Dreigliederung

Das Buch „Selbstverwirklichung, Mündigkeit, Sozialität“ ist zwar schon einige Jahre alt (1978), manches überholt, aber das Kapitel „Ausblick – von der Theorie zu Praxis“ greift mit viel Tiefblick die wichtige Frage auf, was zu tun sei, um im Sinne der Sozialen Dreigliederung zu wirken. Ich skizziere im Folgenden Lebers Darstellungen in einer freien Interpretation.

Leber widmet sich der Frage, wie aus den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen heraus eine Entwicklung in Richtung sozialer Dreigliederung in Gang gesetzt werden könne. Er geht dabei sehr differenziert vor.

Wer sich mit der Dreigliederung auch nur ansatzweise beschäftigt habe, würde schnell zu der Erkenntnis kommen, dass es derzeit große soziale Schäden gibt. Und sobald jemand zu ahnen beginnt, dass es sich bei der Dreigliederung nicht um sonntägliche Betrachtungen geht, kann er nicht mehr bei der bloßen Betrachtung stehen bleiben. Er wird sich die Frage stellen „was tun?“. Doch weil die Dreigliederung in ihrer Formulierung ziemlich abstrakt und unanschaulich wirken kann, weil sie nicht nur an ein paar Schrauben im System drehen will und weil es bisher kaum ein Bewusstsein für diese Art der sozialen Begriffe gibt, deshalb tun sich viele Menschen allerdings schwer mit der sozialen Dreigliederung. Am liebsten wären ihnen praktische Anwendungen, an denen man zum einen zeigen könne, was gemeint ist und zum anderen vielleicht sogar beweisen könne, dass Dreigliederung „funktioniert“.

Leber betont zum einen die Unmöglichkeit, die Dreigliederung im Kleinen „einführen“ zu können. Er zitiert Steiner, der sich dahingehend äußert, dass es ein völliges Unding wäre, innerhalb einer kranken Gesellschaftsordnung eine dreigegliederte Einrichtung zu schaffen1 . Viel wichtiger sei der Impuls, in das bestehende hineinzustrahlen.

In diesem letztgenannten Sinn sieht Leber jedoch durchaus die Notwendigkeit, Modelle einzurichten. Modell eben nicht in dem Sinne, dass man dann das, was man im kleinen Modell praktiziert auf das Ganze anzuwenden könne. Sondern in dem Sinn, dass diese Modelle auf die gesamte Gesellschaft wirken. Dass sie bestehende Erklärungsmuster in Frage stellen und neues Denken befördern. Dass sie das Vertrauen stärken, dass man auch mit anderen, neuen Begriffen der sozialen Realität begegnen kann. Wer Modelle als unmittelbares Startbrett in eine besser Zukunft sieht, wird hingegen immer wieder auf neue enttäuscht sein, dass es „wieder“ nicht klappt.

Denn, so Leber, es geht bei der Dreigliederung in erster Linie um ein anderes Denken. Es geht nicht primär darum, neue, „gute“ Einrichtungen zu installieren, mit denen alles besser wird. Sondern primär geht es um ein anderes Bewusstsein, andere Erklärungen als die etablierten Muster. Und dieser notwendige Bewusstseinswechsel sei so grundlegender Art, dass er historisch allenfalls mit der Verbreitung des Christentums vergleichbar sei. Die Dreigliederung könnte nicht mit Macht von oben eingeführt werden, sondern müsse unbedingt aus dem Denken und dem Willen der einzelnen Bürger erwachen. Weil das von der Dreigliederung geforderte andere Denken aber so weit entfernt ist von unseren heutigen Denkgewohnheiten, tun wir uns so schwer damit.

Wesentlich für dieses neue Denken sei, dass jeder einzelne Bürger Verantwortung trägt für das Soziale. Diese Verantwortung kann nicht delegiert werden. Auch wenn die Versuchung besteht, nur nach neuen Einrichtungen zu fragen und sich somit um die eigene Rolle zu drücken. In meinen Worten: Es reicht nicht, auf dem dreigegliederten Bauernhof einzukaufen. So einen kann es wie dargestellt gar nicht geben und einkaufen ersetzt nicht die Bewusstseinsarbeit.

Doch auch wenn die Gefahr besteht, dass Modelle in diesem Sinne missverstanden werden können, sieht Leber dennoch eine Notwendigkeit für solche Modelle. Denn würde man nur abstrakt von Dreigliederung nur sprechen, und keinen Bezug zu realen, aktuellen Vorgängen herstellen, so käme man leicht in das Fahrwasser einer Utopie. Utopie im Sinnen von zu sehr und zu konkret ausgedacht und gerade dadurch unrealistisch. Und der alleinigen Erkenntnis der sozialen Dreigliederung fehle häufig das befeuernde Ziel, auf das hin sich anzustrengen lohne. Ein solches könne sich aber an Modellen bilden. Wobei ich das Wort „Modell“ für unglücklich gewählt halte. Versteht man unter einen Modell doch heute genau das, was man vom Kleinen ins Große skalieren kann. „Laboratorien“ fände ich treffender.

Leber führt einige Beispiele an. (GLS-Bank, Waldorfschulen, …) Diese mögen vielleicht im Jahr 1978, als Leber das Buch veröffentlichte, noch Ausstrahlkraft für ein freien Geistesleben gehabt haben, sind es in meinen Augen aber aktuell kaum noch. Das tut dem Artikel aber keinen Abbruch: Die Aufgabe wäre es, geeignete „Modelle“ für unsere heutige Zeit zu finden.

Leber empfiehlt, sich an Themen zu halten, die aktuell viele Menschen beschäftigen und wo die bisherigen Erklärungsmuster an eine Grenze kommen. Er schlägt vor, mit fragenden „Rebellen“ ins Gespräch kommen.

(April 2025)



1 GA185a, Vortrag vom 22.11.1918

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