Eigentlich haben staatliche Gelder in der Kulturlandschaft nichts zu suchen. An einem Beispiel zeigt sich die Schwierigkeit der Finanzierung einer staatsunabhängigen Kultur.
Staatliche Gelder werden im Grunde per Mehrheitsentscheid vergeben: Über Wahlen werden Parteien und Politiker ermächtigt, Steuergelder an Kultureinrichtungen zu übertragen. Entsprechende Verteilungskämpfe finden in der politischen Sphäre statt.1
Kultur ist aber keine Mehrheitsfrage, sondern eine Sache der individuellen Anerkennung. Doch so einfach diese Idee, so schwierig der Weg dort hin. Beispiel: Die Wuppertaler Tagespresse 2 berichte von einer Kultureinrichtung und deren finanziellen Problemen. Interessant an diesem Artikel ist, dass hier ganz konkrete Beträge genannt werden. Das Loch, so der Name des Veranstaltungsortes mit vielseitigem Programm, habe Jahreskosten von 414.000 Euro,
Wie könnte „das Loch“ ohne staatliche Mittel auskommen? Die wegfallenden staatlichen Mittel müssten durch Eintrittspreise oder Spenden gedeckt werden. Angenommen, die bereits bestehenden Spenden können nicht erhöht werden, dann müssten sich die Eintrittspreise fast verfünffachen!3
Heute bekommt man dort Tickets zum Konzert eines Jazz-Trios für zum Beispiel 15 Euro. In einem staatunabhängigen Kulturleben wären wir dann bei 75 € für eine Karte! Bei einer Einrichtung, die sich eher als sozio-kulturelles Zentrum versteht, und nicht unbedingt als Begegnungsort für Besserverdienende.
Ist das mit der freien, staatunabhängigen Kultur somit eine völlig unumsetzbare, verrückte Idee? Selbst wenn die Betreiber des Lochs die Unabhängigkeit vom Staat ideell begrüßen würden, sie könnten den Laden dann gleich dichtmachen, denn bei diesen Eintrittspreisen kämen wohl kaum noch Besucher.
Und doch: Die Zuschüsse von Stadt und Land haben die Bürger ja schon bezahlt - über die Steuern. Wenn Kultureinrichtungen nur noch über die Anerkennung ihrer Besucher und Unterstützer finanziert werden, würden im gleichem Maße die Steuern sinken. Mit Staat ist es überhaupt nicht billiger als ohne Staat. Sondern im Großen und Ganzen genau gleich teuer. Zumindest dann, wenn man im ersten groben Gedankengang vereinfachend annimmt, dass es in beiden Fällen genau das gleiche Kulturangebot gibt, was natürlich nicht so sein wird.
Bleibt also die Frage, wie man den Staat aus der Kultur herausdrängt. Doch so lange es dafür noch kein ernsthaftes gesellschaftliches Bedürfnis gibt, braucht man sich um diese Frage nicht zu kümmern. Und wenn das Bedürfnis in relevantem Maße da ist. dann werden sich Wege finden. Ein allererster persönlicher kleiner Schritt könnte vielleicht sein, bevorzugt staatsunabhängige Angebote wahrzunehmen. Doch wo sind diese, wie finde ich diese? Rein kommerzielle Angebote, wo Kapitalbesitzer die Kultur bestimmen, sind in diesem Sinne auch keine Lösung.
(Februar 2025)
1 Man schaue sich nur mal den deutschen Bundestagswahlkampf Anfang 2025 an: Die SPD will den deutschen Film stärken, die CDU will sich um eine kulturelle Infrastruktur als Daseinsfürsorge kümmern, die Grünen wollen die „freie Szene“ durch Förderung ausbauen (!). die FDP will sich um die Überwindung der Grenze von E- und U- Kultur kümmern, der AfD ist eine Erinnerungskultur für Heimatvertriebene wichtig, die Linken will sich für paritätisch besetzte Gremien der staatlichen Kulturförderung einsetzen und das BSW sieht Kultur als Pflichtaufgabe des Staates. Alles zitiert nach https://www.deutschlandfunk.de/bundestagswahl-2025-wahlprogramme-kultur-100.html
2 Westdeutsche Zeitung, 14.2.2025 „Fortschreibung einer Wuppertaler Erfolgsstory in Gefahr“ https://www.wz.de/nrw/wuppertal/fortschreibung-einer-wuppertaler-erfolgsstory-in-gefahr_aid-124161393 (Bezahlschranke)
3 Die Einnahmen aus Eintritten betragen gemäß dem WZ-Artikel 61.000 € jährlich. Die Einnahmen in Zukunft müssten bei 294.600 € liegen (61.000 € bisher + 225.00 € bisherige Staatsgelder + 7.800 € Verlust). Sie hätten sich fast verfünffacht ( 294.600/ 61.000=4,8-fach). Ich will nicht ausschließen, dass es hier noch nicht berücksichtigte Staatsmittel bei z.B. der Miete, der Öffentlichkeitsarbeit u.ä. gibt. Dann wäre der Faktor noch höher.